Das Wiener Praterstadion / Ernst-Happel-Stadion

1. Das Stadion als historischer Text „Wien wird ein Stadion besitzen, das in seiner Zweckmäßigkeit und Schönheit eine Zierde unserer Stadt sein und auch die Erfüllung eines langgehegten Wunsches aller Sportliebenden bringen wird.“(1) Julius Tandler Der englische Geograph John Bale, der richtungsweisende Analysen zum Verhältnis von Sport – vor allem Fußball – und seinen Räumen verfasst hat, schreibt: „The stadium can be read as a historical text, not only in terms of the events that have transpired, but in architectural terms as well. To a large extent the collective energies, dreams, and aspirations of large segments of the population are posited and deposited in the stadium.“(2) Bale bettet die Analyse des Fußballs und seiner Räume in gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ein, er will aber nicht die Rationalisierung von Gesellschaft oder Kultur als Gesamtes analysieren und nimmt sich statt dessen einen klar abgegrenzten Aspekt vor: „ [I]t may be wise not to take as a whole the rationalization of society or culture, but to analyse such a process in several fields, each with reference to a fundamental experience.“(3) So lassen sich an einem großen Stadion oft wichtige Teile der Geschichte einer Stadt, manchmal sogar eines Landes, erzählen. Das soll als Ausgangspunkt für diese Arbeit dienen, die versucht, mittels Lektüre des Wiener Praterstadions (seit 1993: Ernst-Happel-Stadion) (4) einen Beitrag zur Analyse breiterer sozioökonomischer, kultureller und politischer Entwicklungen zu leisten. Als am 29. Juni 2008 Spanien mit einem 1:0-Sieg gegen Deutschland Fußball-Europameister wurde, war das Ernst-Happel-Stadion Schauplatz des Endspiels der Fußball-Europameisterschaft, einer hoch kommerzialisierten Veranstaltung, die zu den weltweit größten Medienereignissen zählt. Das Publikum im Stadion hatte personalisierte Karten erworben und saß auf nummerierten Plätzen in – nach ökonomischen und anderen Kriterien (z.B. „Sicherheit“) – streng segmentieren Sektoren. Die Zuschauer im Stadion sind bei einer derartigen Veranstaltung Konsumenten eines Spektakels und bilden – als Ornament für die Fernsehzuschauer – gleichzeitig einen Bestandteil dieses Spektakels – ein Bild das sich ganz wesentlich von jenem unterscheidet, das die offizielle Programmatik zur Eröffnung des Wiener Stadions im Jahr 1931 zeichnete: Anders als die (kommerziellen) Sportstätten der Fußballvereine sollte das Stadion gerade nicht dem Spektakel des Showsports und damit ökonomischen Interessen dienen. Es sollte eine Aufführungsstätte für proletarische Massenfestspiele sein und ein Ort des partizipatorischen Sports, genutzt von einer disziplinierten proletarischen Masse. Die frühen 1930er Jahre waren aber auch die Zeit des „Wunderteams“. Und nur wenige Wochen nach der Arbeiterolympiade, am 13. September 1931, bildete das Praterstadion die Bühne für den 5:0-Sieg der österreichischen gegen die deutsche Fußballnationalmannschaft. Viele weitere Spiele folgten, die in der kollektiven Erinnerung der österreichischen Sportöffentlichkeit eine wichtige Rolle spielten (und spielen). Das Praterstadion war auch Schauplatz des – von der nationalsozialistischen Propaganda im Zusammenhang mit der bevorstehenden „Volksabstimmung“ so genannten – Versöhnungsspiels am 3. April. Etwa eineinhalb Jahre später, im September 1939, diente das Stadion als Deportationslager für Juden, die, hier eingesperrt, zum Teil „anthropologisch“ vermessen und schließlich in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurden. Unmittelbar danach fanden wieder Sportveranstaltungen im Stadion statt und noch im Juni 1944 kamen, folgt man einer Zeitungsmeldung (5), 66.000 Zuschauer zu einem Fußballspiel der Städtemannschaften von Wien und Berlin in das Stadion. Bereits am 6. Dezember 1945 spielte Österreich auch im Stadion wieder eine Rolle. Die Fußballnationalmannschaft schlug ihr französisches Pendant mit 4:1. Dieses Spiel war wahrscheinlich das bislang letzte im Wiener Stadion mit starker vordergründig politischer Aufladung: Österreich sollte dabei unterstützt werden, eine von Deutschland unabhängige nationale Identität zu entwickeln.(6) In den folgenden Jahren fanden Speedwayrennen statt, es wurden Boxkämpfe, Schwimm- und Tennisveranstaltungen ausgetragen, zwei Leichtathletik-Weltrekorde konnten erzielt werden. Es fanden religiöse Veranstaltungen statt (z.B. Papstmesse) und die Rolling Stones eröffneten am 3. Juli 1982 eine lange Reihe von Rock- und Popkonzerten. Prägend war schon sehr früh (ab wann genau wird zu untersuchen sein) der Fußball. Neben Spielen unterschiedlicher österreichischer Bewerbe sah das Stadion Mitropa- und Europacupspiele, darunter das 7:0 des Wiener Sport-Club gegen Juventus Turin und drei Finalspiele des Europapokals des Meister (bzw. des Nachfolgebewerbs Champions League). Diese Beispiele zeigen völlig unterschiedliche Nutzungen des Wiener Stadions. Sie zeigen einerseits, wie flexibel die architektonische Grundform des Stadions ist. Durch zwei große und viele kleine Umbauten konnte sie über fast 80 Jahre immer wieder an die neuen Anforderungen angepasst werden. Andererseits lassen sie auch ahnen, mit welch unterschiedlichen kulturellen Bedeutungen ein Stadion aufgeladen werden kann – diachron wie synchron. Das Wiener Praterstadion ist ein popularkultureller und staatspolitischer Erinnerungsort, es ist aber auch ein Baudenkmal. Wie kaum ein anderes Bauwerk aus der Zeit des Roten Wien verkörpert das von Otto Ernst Schweizer entworfene Stadion den Geist funktionalistischer Architektur. Mittlerweile steht es unter Denkmalschutz, seine aktuelle Form hat mit dem ursprünglichen Bau allerdings nur mehr sehr begrenzt zu tun – die massiven Veränderungen seiner Architektur zeigen, wiederum, wie stark sich die Funktionsweise eines Stadions zwischen 1931 und der Gegenwart verändert hat. Erstaunlich genug, dass die Grundstruktur gleich geblieben ist. Als Leitfaden dienen – neben Bale – vor allem die Theorien des französischen Philosophen Henri Lefèbvre (7) zur Produktion des Raums und die Einordnung von Stadien in ein Fünf-Generationen-Modell durch den Architekten Rod Sheard. (8) Wichtige Impulse für die Analyse dieses Wandels, hin zu immer stärker kontrollierten Räumen, liefern auch die Theorien des französischen Philosophen Gilles Deleuze (9) zum Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft und das Modell der Disneyization, erstellt von dem britischen Soziologen Alan Bryman.(10) Es stellt sich die Frage nach den Funktionen des Wiener Stadions für unterschiedliche Gruppen, in wechselnden historischen Kontexten. Mit diesen Funktionen hängen auch die unterschiedlichen kulturellen Bedeutungen zusammen, mit denen das Stadion aufgeladen wurde. Das Wiener Praterstadion bildet ein Palimpsest, dessen einzelne Schichten auf zentrale soziökonomische, kulturelle und politische Entwicklungen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts verweisen. Freigelegt werden sollen diese Schichten einerseits durch die Analyse der Architektur des Stadions, ihrer Veränderungen und deren Ursachen. Etwa: In welchen Phasen wird der Raum des Stadions stärker hierarchisiert und was sind die Ursachen? Inwieweit verlaufen architektonische Veränderungen kontinuierlich, wo gibt es Brüche? Wann stehen diese Veränderungen mit den hegemonialen politischen und sozioökonomischen Verhältnissen in Widerspruch, wann in Einklang? Die Frage nach Kontrolle über den Raum des Stadions in wechselnden Perioden zeigt einerseits – so eine Ausgangsthese – die immer stärker werdende Kontrolle über diesen Raum, anderseits eine Privatisierung dieser Kontrolle. Die Betrachtung der ökonomischen Dimension und Funktionsweise des Stadions – und der damit zusammenhängenden Diskurse – zeigt Veränderungen in großen popularkulturellen Segmenten und deren unterschiedliche Anbindung an hegemoniale Strukturen. Diese Fragen werden einerseits auf der Mikroebene, also anhand der Wechselwirkungen innerhalb des Stadions analysiert, als auch auf der Ebene von Stadion und Stadtentwicklung. Die Arbeit folgt – ausgehend von frühen Initiativen und Projekten für ein Stadion in Wien – im Wesentlichen einer chronologischen Struktur. Innerhalb der größeren Periodisierungen wiederholt sich diese Chronologie bisweilen durch die Betrachtung unterschiedlicher thematischer Aspekte (Architektur, Kontrolle, Veranstaltungen, Politik, Ökonomie, Stadtentwicklung). ----- Anmerkungen: (1) Julius Tandler: Baubeginn des Wiener Stadions. In: Volkssport. Offizielles Organ des ASKÖ und seiner Verbände. 1. Jahrgang, 16.2.1929, Nr.7, S. 1 (2) John Bale/Chris Gaffney: Sensing The Stadium. In: John Bale/Patricia Vertinsky [Hg.]: Sites of Sport. Space, Place Experience. London/New York 2004, S. 25–38, hier S. 35 (3) Michel Foucault: Afterword. In: Hubert L. Dreyfus/Paul Rabinow: Michel Foucault: Beyond Structuralism and Hermeneutics. Brighton 1982, S. 208–226. Zitiert nach John Bale: Sport, Space and the City. London/New York 1993, S. 6 (4) Die Bezeichnungen „Wiener Stadion“, „Praterstadion“ und einfach „Stadion“ wurden synonym verwendet. Bis in die 1970er Jahre war die Anlage im Prater, die einzige in Wien, die als „Stadion“ bezeichnet wurde; es gab deshalb keine Notwendigkeit zu einer genaueren Differenzierung. Erst mit der Eröffnung des Weststadions (heute: Gerhard-Hanappi-Stadion) im Jahr 1977 änderte sich das. In dieser Arbeit werden die verschiedenen Bezeichnungen synonym verwendet. (5) Neues Wiener Tagblatt, 12.6.1944, S. 4 (6) Zur Rolle des Sports und vor allem des Fußballs bei der Konstruktion einer Österreich-Identität nach 1945 siehe vor allem: Matthias Marschik: Vom Idealismus zur Identität. Der Beitrag des Sportes zum Nationsbewußtsein in Österreich (1945–1950). Wien 1999; Johann Skocek/Wolfgang Weisgram: Wunderteam Österreich. Scheiberln, Wedeln, glücklich sein. Wien u.a. 1996; Robert Hummer : Immer wieder Österreich. Fußball und nationale Integration, 1945 – 1978. Univ. Dipl. Salzburg 2006 (7) Vor allem: Henri Lefebvre: The Production of Space. Malden/Oxford/Carlton 2005 (8) Rod Sheard: The Stadium. Architecture for the New Global Culture. Singapore o.J. (9) Gilles Deleuze: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, http://www.nadir.org/nadir/archiv/netzkritik/postskriptum.html (20.5.2010) (10) Alan Bryman: The Disneyization of society. London/Thousand Oaks/New Dehli 2004